Die Ära Ceauşescu

Der «erste Arbeiter des Landes», wie sich Ceauşescu in der «Ära Ceauşescu» apostrophieren lässt, regierte seit Mitte der 70er Jahre immer unumschränkter. In seiner Manie, alles selbst entscheiden zu wollen, regierte er mit einer Flut von Dekreten und Massenkampagnen «sein» immer mehr zum Konsumverzicht angehaltenes Volk. Ein Personenkult ungeahnten Ausmaßes entwickelte sich um den neuen Führer, den Conducător des Landes.


"König Ceauşescu mit Szepter"

Auf Bildern war er mit Seidenschärpe mit den rumänischen National-farben und sogar mit selbstentworfenem Szepter zu sehen - wie ein gekröntes Haupt. Mitte der 70er Jahre entwickelte sich mit dem politischen Aufstieg seiner Frau Elena ein im Ausland oft angeprangerter Nepotismus. Elena Ceauşescu, wurde - wie er selbst unter Dej - im ZK zuständig für Organisation und Kader und mit der Kenntnis der Kaderakten avancierte sie zur wichtigsten und mächtigsten grauen Eminenz. Gleichzeitig wurde sie Vizepremier und vertrat damit ihren Mann. Sohn Nicu Ceauşescu war zeitweise Minister für Jugendfragen. Die Jugendorganisation der KP, die Jungen Pioniere, wurde von Schwiegertochter Poiana geführt. Ceauşescus Schwager Gheorghe Petrescu traf alle Entscheidungen im Bereich der Elektronik und des Maschinenbaus. Polizei und Geheimdienst wurden von Bruder Nicolae Andruţa kontrolliert. Bruder Ilie kontrollierte als Vizeverteidigungsminister das Militär, das Ceauşescu die Kürzung des Budgets seit Ende der 70er Jahre und den unmilitärischen Einsatz der Armee als Arbeitsbataillon in der Landwirtschaft und im Bauwesen übel nahm. Zum Vizelandwirtschaftsminister hatte der «bäuerlichste aller Bauern» - so eine Parteihymne über den Conducħtor - Bruder Ion auserkoren. Damit dieser nicht allein bestimmte, wurde auch noch Schwager Vasilie Barbulecu mit wichtigen Ämtern im Agrarsektor betraut. Bergbauminister wurde Schwager Ilie Verdeţ und sein Bruder Florea kontrollierte das Zentralorgan der KPR, die Parteizeitung Scînteia. Die Verwandten der Dynastie Ceauşescu wurden geschickt in Stellvertreterposten untergebracht, so dass sie zwar Kontrolle aus übten, gleichzeitig aber die Verantwortung für etwaige Fehler auf die auswechselbaren ersten Repräsentanten abwälzen konnten, ohne dass das Bild des Oberhaupts der Dynastie Schaden erlitt: eine wahrhaft byzantinische Tradition!
Zur Nachfolge des in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre von Krankheit geprägten Nicolae Ceauşescu steht neben seinem durch Skandale diskreditierten Sohn Nicu vor allem Frau Elena zur Disposition. Ohne entsprechende Mehrheiten im ZK zu finden, wollte Ceauşescu Frau Elena bereits 1979 und 1984 zur Stellvertretenden Parteivorsitzenden küren lassen, um sie für die Nachfolge aufzubauen. Die rumänische Presse bejubelt täglich neben dem Präsidenten die «Genossin Akademiemitglied Doktor Ingenieur Elena Ceauşescu».
In der Endphase der Ära Ceauşescu nahmen die Probleme des Landes zu. Der Schuldenberg, der durch die rasche Industrialisierung aufgetürmt wurde und die nationale Misswirtschaft, verlangte von der rumänischen Bevölkerung einen für europäische Verhältnisse einmaligen Konsumverzicht. Es gelang Ceauşescu immerhin, den Schuldenberg von über 20 Milliarden Dollar 1987 auf 6 Milliarden zu verringern. Zwei Jahre danach sollte angeblich die gesamte Auslandsschuld getilgt sein. Doch der Preis für diesen Zwang, den er dem Volk auferlegte, war der Verlust vieler demokratischer Freiheiten. Nur mit Hilfe starrer Autorität und eines perfekt organisierten Staatssicherheitsdienstes wurde in den 80er Jahren das Land regiert. Ein Drittel der Bevölkerung arbeitete bereits direkt oder indirekt für den Staatssicherheitsdienst, die securitate. Das nicht publizierte Dekret Nr. 408 verpflichtete jeden Bürger, innerhalb von 24 Stunden einen Kontakt mit Ausländern der Miliz zu melden. Die Versammlungsfreiheit wurde abgeschafft. Stimmen der Opposition konnten sich nicht einmal mehr im Untergrund artikulieren, seitdem die Benutzung von Fotokopierapparaten kontrolliert und die Bürger verpflichtet wurden, jährlich ihre Schreibmaschine per Schreibprobe bei der Miliz registrieren zu lassen.

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Die wirtschaftlichen Mißstände eskalierten dramatisch. In der Endphase der Regierungszeit Ceauşescus, in der Parteisprache als «Epoca de aur», als «Goldenes Zeitalter» bezeichnet, entwickelte sich Rumänien zum ärmsten und unter-drücktesten Land Europas.


Im Ausland gehätschelt: Ceauşescu

Die Versorgungskrise wurde seit 1984 durch eine sich jährlich steigernde Energiekrise verschärft. Der rumänischen Bevölkerung wurde eine Beheizung ihrer Wohnräume nur noch bis maximal 12 Grad erlaubt, was nicht einmal erreicht werden konnte, denn Strom- und Gassperren waren an der Tagesordnung. Die Städte des Landes boten an Winterabenden ein Bild der lichtlosen Ausgestorbenheit.
Die Verdoppelung der Geburtenrate sollte nach der Meinung des Präsidenten das Volk ökonomisch stärken. So wurden seit 1986 obligatorisch monatliche gynäkologische Untersuchungen von Frauen im gebärfähigen Alter durchgeführt, um nicht genehmigte Abtreibungen zu verhindern. Die Geburtenkontrolle wurde untersagt.

Ein spontaner Streik der Bergleute im Schiltal wurde 1984 durch Massenverhaftungen beendet. Im Jahre 1985 gab es Hinweise auf einen Hungeraufstand im Banat, bei dem Bauern die staatlichen Getreidedepots gestürmt haben sollen. 1986 führten die verzweifelten Einsparungsmaßnahmen sogar zu einer Kürzung des Etats des Militärs. Freilich holte sich Ceauşescu hierzu über eine Volksabstimmung Rückendeckung: 99,9 % der Wahlberechtigten sprachen sich für die Kürzung aus. Bis 1987 sollen drei Versuche des Offizierskorps, den Präsidenten auszuschalten, fehlgeschlagen sein: Bruder Ilie und Bruder Nicolae Andruţa waren wachsam. Im November 1987 gab es anlässlich einer Hungerrevolte in Braşov gegen Lohnkürzungen in der Braşover Traktorenfabrik eine Demonstration mit Plünderung eines örtlichen Parteibüros und Toten auf Seiten der Staatsmacht. Im ganzen Land schwelte Kritik an dem autokratischen Führungsstil des Staats- und Parteichefs. Stimmen in In- und Ausland forderten seine Ablösung.


Der sowjetische Glasnost- und Perestroikakurs war im Rumänien des Personenkults nicht willkommen. Der sowjetische Generalsekretär Gorbatschow sagte einer Gruppe auftragsgemäß jubelnder Rumänen anlässlich seines Rumänienbesuchs am 9.6.87: "Selbst wenn Sie mir erzählen würden, dass in Ihrem Land alles in Ordnung ist, ich würde es nicht glauben" Von Gorbatschow gingen starke sowjetische Pressionen gegen den Personenkult und die Versuche, per Nepotismus die dynastische Nachfolge zu sichern, aus. Die sowjetophile Fraktion im ZK erhielt allmählich Rückendeckung.


Der Palast der Goldenen Epoche

Wegen der dramatisch sich entwickelnden innenpolitischen Unterdrückung suspendierte im Juni 1987 der US-Kongress die Meistbegünstigungsklausel im Handel mit Rumänien. Zum Abschluss der «Goldenen Epoche» wollte Ceauşescu sich und der neuen Sozialistischen Republik ein Denkmal setzen. Zu diesem Zweck wurden zahlreiche historisch wertvolle Stadtviertel in Bukarests Süden seit Mitte der achtziger Jahre dem Erdboden gleichgemacht, um im Werte von 1,2 Milliarden Dollar ein neues Verwaltungs- und Aufmarschzentrum des modernen sozialistischen Rumänien zu schaffen. Für das neue Regierungsviertel mit seinen neoklassizistischen Repräsentationsbauten, das zum 70. Geburtstag des «Großen Gründers», am 26.1.1988 eingeweiht wurde, liess er etwa ein Fünftel der Stadt abreissen und 40.000 Bukarester Bürger zwangsevakuieren. Zu beiden Seiten des 120 m breiten Boulevards des sozialistischen Sieges mussten den Prunkbauten der Parteielite die letzten Spuren eines bürgerlichen Bukarests weichen: Die Altstadt fiel dem Beton der «Goldenen Epoche» zum Opfer.
Die Rumänen verdanken ihrem Präsidenten unbestritten ihr hohes internationales Ansehen, den Wandel vom rückständigen Agrar- zum modernen Industriestaat und eine Zunahme an Souveränität. Dafür besaß er bis Mitte der siebziger Jahre ein Höchstmaß an Popularität in der Bevölkerung. Für viele Kenner der Situation ist deshalb der Widerspruch zwischen der außenpolitischen in aller Welt geschätzten Rolle Ceauşescus und der innenpolitischen Entwicklung seit der Mitte der siebziger Jahre hin zu Personenkult, Nepotismus und Polizeistaat unerklärlich. Die rumänische Bevölkerung, erduldete in bewundernswertem Arrangement diese schlimme Phase ihrer jüngsten Geschichte. «Maisbrei explodiert nicht» sagt ein rumänisches Sprichwort.

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